Da war doch noch etwas. Was war das noch? Ach ja. Ich erinnere mich. Dafür muss ich lange und hartnäckig in den einsamsten Winkeln meines Kopfes stöbern. Hirn. Hirn, ja so nannte er sich. Hirn hatte Ideen, hatte Vorstellungen, hatte Visionen und Ziele, hatte Motivation und war voller Hoffnung. Er interessierte sich für alles Mögliche, versuchte alles Mögliche. Hirn begegnete anderen Hirnen, die sich allerdings anders nannten. Das war nicht weiter schlimm, bis eines Tages Sätze fielen, die sich ihm ins Hirn einbrannten. Sätze, die dort zu kreisen begannen, langwierige Schleifen zogen, viele Gedanken produzierten, Gedanken, die ihre Bestätigung in der Welt suchten, Gedanken, deren Traglast immer schwerer wurde, Gedanken, die sich wichtig machten, Gedanken, die sich umso mehr aufblähten, je unangenehmer Situationen wurden.
Und dann geschah ES: er verlor sein Vertrauen. Er vermisste es, also ging er es suchen und versuchte die Verzweiflung neben sich zu verscheuchen. Die aber wollte ihn unbedingt begleiten und raunte ihm ständig seltsame Vorschläge ins rechte Ohr. Vorschläge, die er verstand, Dinge, die er alle schon getan hatte. Es schien alles kompliziert, viel komplizierter als es war und er sehnte sich nach Einfachheit. Die aber hatte das Vertrauen begleitet und wollte ohne diese nicht sein. Als er sich umblickte, stellte er fest, dass sich auch noch andere Reisebegleiter dazu gesellt hatten. Eine richtig eigenwillige Reisegruppe hatten sie alle gebildet. Da waren noch einige Zweifel, diverse Ängste, eine kleine Traurigkeit und die Mutlosigkeit wollte ständig nur Pause machen, anstatt zu suchen. Man hätte meinen können, die Vernunft wäre auch dabei gewesen, aber die konnte diesmal nichts dafür, die hielt sich diesmal raus. So reisten sie gemeinsam eine Weile, die wie eine halbe Ewigkeit erschien. Das war nicht immer einfach, aber das Unterwegssein hielt sie zumindest bei Laune, unterwegs ist auch immer mehr Platz. Eines Tages war die Reise zu Ende, das Vertrauen blieb verschwunden, und als sie nach Hause zurückkehrten, stellten sie fest, dass sie kaum noch alle in dem begrenzten Wohnraum Platz hatten, weil sie auch gleich noch die ganze Welt mit reinstopfen wollten. Aber auch ohne die Welt, hätte der vorhandene Raum kaum gereicht. Anfangs dachten sie, die Wände wären näher gerückt, aber das war es nicht. Die Reisegruppe war einfach zu groß geworden und als das Vertrauen mit der Einfachheit eines Tages aus freien Stücken an die Tür klopften und wieder nach Hause wollten, konnten sie nicht rein, weil da einfach kein Platz mehr war. Also blieben sie draußen und warteten so lange, bis sich auch noch die Geduld dazu gesellte. Als die Reisegruppe drinnen über diese Situation diskutierte, stellten sie fest, dass die Kunst ihrer gemeinsamen Reise darin bestand, wieder nach Hause zu kommen, und den begrenzt wirkenden Raum zu ertragen, in dem es immer stickiger zu werden schien. Draußen vor der Tür wurde es auch immer geselliger, denn inzwischen hatte sich auch noch die Ungeduld dazu gesellt und war in einen heftigen Streit mit der Geduld geraten. Die Ungeduld behauptete nämlich von drinnen heftige Röchellaute vernehmen zu können, und wollte die Tür eintreten, um zumindest ein wenig zu lüften. Nachdem Geduld und Ungeduld eine Weile verhandelt hatten, vereinbarten sie schließlich die Tür nicht einzutreten und keine Gewalt anzuwenden, sondern rund um sie einen Zubau zu errichten, so dass sie es sich auch gemütlich machen konnten, reichlich Platz hatten und nicht mehr im Regen stehen mussten. Als sie bereits mit Kreide den Verlauf der Fundamente gezeichnet hatten, spazierte die Vernunft vorbei und erklärte ihnen, dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt sei, weil sie doch gar keine Baugenehmigung hätten. Allerdings gäbe es da einen Trick, den sie ihnen verraten würde, wenn sie ihm auch einen Raum geben würden. Sie willigten ein, und sie erzählte ihnen, dass sie lediglich virtuelle Räumlichkeiten benötigen würden, das würde für ihr Bestehen völlig reichen, und die Sache mit Baugenehmigungen, Zement und Grabearbeiten würde sich erübrigen. Also begannen sie virtuell zu bauen, und mimten die Laute von Schaufeln, Hämmern und Sägen, damit die in dem Wohnraum auch mitbekamen, dass es draußen vor der Tür ganz geschäftig zuging. Drinnen blieb es zwischenzeitlich beengt und als die Laute von draußen an die Ohren der Reisegesellschaft vordrangen, tauchte drinnen auch noch die Unruhe auf, und begann sich breit zu machen. Das wurde dann doch allen zuviel, und man wies eine der Ängste an, mal durch den Türspion rauszuschauen, was da vor der Tür denn so vor sich ginge. Die besagte Angst weigerte sich anfangs, und beklagte, dass man ihr damit schon sehr viel zumute, wagte es schließlich doch, und berichtete, dass sie keine Ahnung hätte. Vor der Tür wäre ungewöhnlich viel los, alle dort schien an einer Art unsichtbaren Gebäude zu werken und dabei Laute zu mimen. Sie hielt das ganze Szenario für einigermaßen furchteinflössend, allerdings nahm das niemand so ernst, wusste man nur zu gut, wie Ansichten einer Angst einzuschätzen waren. Daraufhin zog die Unruhe gezwungenermaßen ein wenig den Bauch ein, weil jetzt auch noch die Ratlosigkeit dazugekommen war, sich mit einem breiten Grinsen aufblähte und alle anderen an die Wand quetschte. Da bekamen sogar die Zweifel Angst und hielten die Mutlosigkeit, die vor der Tür gepresst stand, dazu an, die Einfachheit draußen um Rat zu fragen. Wie man sich vorstellen kann, war die Mutlosigkeit von diesem Vorschlag wenig begeistert, bekam aber selber kaum noch Luft und als die Verzweiflung ihr auch noch auf die Zehen stieg, quietschte sie der Einfachheit draußen förmlich alle ihre drückenden Fragen zu. Die Einfachheit meinte, sie müssten nur die Türe öffnen, dann könnte sie rein und sich die Situation mal ansehen. Aber aufgrund der erdrückenden Fülle ging die Tür jetzt von selber nicht mehr auf, der Druck auf die Tür war einfach zu groß, keiner von ihnen konnte sich mehr bewegen. Also versuchte die Einfachheit durch den Spion und das Schlüsselloch reinzublicken und sich ein Bild zu machen. Selbsterklärend war alles, was sie sah, Mutlosigkeit. Also nahm sie die Vernunft an der Hand und sie blickten durch das große Fenster, um einen Einblick zu bekommen. Sie staunten nicht schlecht, als sie sahen, was sie sahen, diese aufgeblähte Ratlosigkeit, die alle anderen an die Wand presste. Da erblickte die Vernunft Hirn und winkte ihm zu. ‚Die Sätze! Du musst die Sätze mit denen das hier angefangen hat neu ordnen! Du musst ihnen einen angemessenen Raum zuteilen!’ rief sie ihm zu. Hirn wusste nur zu gut, wovon sie sprach und bekam kaum noch Luft, war aber von den Zweifeln umzingelt und als er dann noch die an die Tür gepresste Mutlosigkeit ansah, seufzte er, sah die Vernunft kopfschüttelnd an, während die kleine Traurigkeit neben ihm immer größer wurde, die Ratlosigkeit allerdings ein wenig schrumpfte. Also lief die Einfachheit schnell, und schob das Vertrauen vor das Fenster und als diese so vor dem Fenster stand und schweigend mit traurigen Augen Hirn anblickte, da wusste er, da wusste er, dass ihm nichts mehr zu mühevoll war. Also nahm er die Sätze und betrachtete sie von allen erdenklichen Seiten, sortierte sie nach der Bedeutung, die er ihnen schenken wollte, sortierte sie nach der Wirkung, die er ihnen erlauben wollte, sortierte sie nach dem Einfluss, den er ihnen zugestehen wollte, und wies ihnen nur so viel Raum zu, wie sie tatsächlich benötigten. Und während er das tat, schrumpften seine Reisebegleiter, schrumpften die Zweifel, diverse Ängste, die Traurigkeit sowie alle anderen, die sich dazu gesellt hatten. Sie schrumpften alle auf ein erträgliches Maß, wodurch wieder ungeheuer viel Platz entstand, genug Platz, um die Tür zu öffnen, genug Platz um alle von draußen reinzuholen und auch als alle drinnen waren, blieb noch jede Menge Raum, als ob die Wände wieder von ihnen abgerückt wären. Dabei waren sie alle nur mehr genauso groß, wie sie tatsächlich waren, und keiner grämte sich darüber. Vielleicht taten sie nachher alle so, als ob nichts gewesen wäre, vielleicht feierten sie auch ein Fest, vielleicht vergaßen sie auch ganz schnell wieder diese Geschichte. So irgendwie muss das wohl gewesen sein.
Und da sitze ich nun, in dem einsamen Winkel meines Kopfes und frage mich, wo er wohl hingekommen ist, in welchen einsamen Winkel er sich zurückgezogen haben mag, dieser Hirn. Vielleicht versteckt er sich, vielleicht ruht er auch nur ein bischen hinter Stapeln von Büchern, damit er wieder zu Kräften kommt. Vielleicht dauert seine Reise auch nur etwas länger, als er geahnt hat.
i(n) A(ltersteilzeit) Martina Hirnschraubenzieher
{ 3 } Comments
Man manchmal braucht es vielleicht *nur* eine Übersetzerin …
Oh, mein Blog lebt ja noch
Da hat sich bei mir vermutlich der Zeitmangel aufgebläht und die Motivation an die Wand gedrückt. Vielleicht war auch Bali schuld …
Gerhard
Also doch nur ein scheintoter Blog
Zombiblog? 
Vorrübergehender Hirntod quasi
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