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DER KAPITALE DENKFEHLER

Wir schlagen ein neues Kapitel auf. Dudens Fremdwörterbuch, ISBN 3-411-20915-1, Seite 386.
„kapital [lat.]: a) von solcher Art, dass die betreffende Person oder Sache alles Vergleichbare übersteigt; b) außerordentlich groß, stark (Jägerspr.).
Kapital [lat.–it.] das; -s, -e u. ein […ein] (österr. nur so): 1.a) (ohne Plural) alle Geld- und Sachwerte, die zu einer Produktion verwendet werden, die Gewinn abwirft; b) Wert des Vermögens eines Unternehmens; Vermögen[sstamm]. 2.a) verfügbare Geldsumme, die bei entsprechendem Einsatz Gewinn erbringt; - aus etwas schlagen: Nutzen, Gewinn aus etwas ziehen; b) verfügbarer kleinerer Betrag an Bargeld. 3. (ohne Plural) Gesamtheit der kapitalkräftigen Unternehmen [eines Landes]. 4. gewebtes [buntes] Band, das vom Buchbinder an die Ober – und Unterkante des Buchblockrückens geklebt wird (Buchw.).“

Wir sind uns einig. Ein Kapitel ist etwas völlig anderes als ein Kapital. Was sie auf den ersten Blick zu unterscheiden scheint, ist lediglich ein einziger Buchstabe! Wir alle wissen jedoch, dass es gleichzeitig Welten sind.

Konzentrieren wir uns zu allererst auf die Definition unter Punkt 4. Diese gewebten Bänder an Buchrücken, wir wissen, was damit gemeint ist, wir haben sie alle schon betrachtet, obwohl sie sich unserem aufmerksamen Blick zumeist entziehen, sich unter einem Kartonbuchrücken vor unseren neugierigen Augen verbergen, es sei denn, ein Buch wird langsam alt und abgegriffen, beschließt sich aufzulösen, beschließt das, was ohnedies immer da war, noch offensichtlicher zu machen, beschließt, den Buchdeckel schön langsam zerfallen zu lassen, den Kleber aufzulösen. Eigentlich stört uns das, wenn ein Buch so etwas unverhoffterweise macht, einfach so, ich meine, was soll denn das, so ein halbzerfallenes Buch. Das Kapitalband hält üblicherweise die Buchseiten noch etwas länger zusammen, auch wenn wir den Buchrücken schon eine Weile verärgert bei seinem Auflösungsprozess beobachten können. Dennoch schreitet der Zerfall munter voran. Zwangsläufig beginnen sich irgendwann doch noch Einzelseiten zu lösen, versuchen hinwegzuflattern, sich ihren Weg in die Freiheit zu suchen, obwohl wir das doch gar nicht wollen. Denn, was wir wollen, ist ein ganzes Buch, eines mit allen Seiten, eines, dessen Einzelteilen wir nicht unablässig nachlaufen müssen, nur weil sie es sich plötzlich anders überlegt haben, eines, das wir einfach im Griff behalten können. Schon die Bücher zeigen uns, dass das nicht immer so läuft, auch wenn es mit Sicherheit qualitätsbedingt ist, ab wann sich ihre ersten Alters- oder Abnutzungserscheinungen zeitigen. Aber diese Bücher zeigen uns möglicherweise auch, dass so ein von Menschen gemachtes Kapital auf einem Buchrücken, wie auch wir selber, nicht von Dauer ist und, möchte man dem entgegen wirken, gelegentlich einer Reparatur bedarf. Ob das nun unserem durchaus ernst gemeinten beständigen Griff gefallen mag oder nicht. Der Unterschied liegt lediglich darin, wofür wir uns im nächsten Schritt entscheiden, ob wir uns überlegen, wie man so ein zerfallendes Buch als Buch retten kann, ob wir es dann mit etwas Haushaltskleber wieder behelfsmäßig zusammenpappen, bis es irgendwann vielleicht wieder zerfällt, ob wir das Zerfallsstadium des Buches einfach akzeptieren und es so lassen wie es ist, ob wir schlichtweg darauf vertrauen, dass der Buchbinder schon wissen musste, was er getan hatte, und alles seine Berechtigung hätte, so wie es ist, ob wir uns vielleicht sogar dazu hinreisen lassen, gleich das ganze Buch zu entsorgen oder ob wir das Buch zu einem Buchbinder tragen und verlangen, dass es fachgerecht wiederhergestellt wird.

Konzentrieren wir uns nun auf die Definitionen unter Punkt 1, 2 und 3 samt Unterpunkten. Diese Definitionen des Begriffes „Kapital“ klingen für uns doch gleich viel vertrauter, wenn auch wahrscheinlich Punkt 2. b) im Sinne von „verfügbarer kleinerer Betrag an Bargeld“ für die meisten von uns der Allerliebste oder zumindest der Vertrauteste ist.
Betrachten wir Punkt 1 und 2, herrscht zumeist unumstrittene Einigkeit per Definitionem. Da geht es um Geld- und Sachwerte, die eingesetzt werden, um Gewinne zu erzielen oder ein Vermögen zu definieren. Nützlich ist das irgendwie auch noch. Lediglich Unterpunkt 2. b) – schon wieder – scheint, möglicherweise auf Grund seiner Kleinheit, hier nicht mit den Begriffen Nutzen, Vermögen oder Gewinn unmittelbar in Verbindung gebracht zu werden. Warum auch immer.
Bei Punkt 3.) allerdings scheiden sich die Geister und Ideologien und Selbstverständnisse und Logiken, hier bei diesem Punkt ist man sich nicht so einig, weniger wegen der Definition zur „Gesamtheit der kapitalkräftigen Unternehmen eines Landes“, als wegen der dazugehörigen Umsetzung, dem gesunden Mischungsverhältnis, dem Einmischen, dem Entmischen, dem Mitmischen, das manchmal auch als Maß bezeichnet wird. Bei Punkt 3 kommen wir nämlich irgendwie zum Kollektiv, da passen dann auch gleich Vater Staat und Mutter Nicht-Staat hinein, auch wenn das nicht so dezidiert da steht.
Was wurde nicht schon alles um diesen „Kapital“ Begriff geschrieben, diskutiert, gestritten, gemordet, geheuchelt, gepackelt, gefeiert, jubiliert, beschönigt, verharmlost, heruntergespielt, philosophiert, intrigiert, interpretiert, gedeutet, theoretisiert und wieder und immer wieder diskutiert. Ergiebig ist das, sehr ergiebig, dieses Thema, dieser Begriff, der wie von selbst aus sich selbst Kapital zu schlagen scheint.
Ja, so ist das mit den Definitionen, die sich rund um das „Kapital“ ranken, wohlgemerkt das groß geschriebene, dem wir vielleicht auch wegen dem großen „K“, dem so genannten Kapitalbuchstaben, so viel Bedeutung beimessen.

Aber wie ist es jetzt eigentlich um das klein geschriebene „kapital“ bestellt, von dem das Wörterbuch behauptet, dass es sich bei diesem, obwohl doch klein geschrieben, um dasjenige handelt, das von solcher Art gestaltet ist, dass es alles Vergleichbare übersteigt. Unter b) finden wir sogar einen Verweis auf die Jägersprache, in welcher es etwas außerordentlich Grosses und Starkes beschreibt. Gehen wir davon aus, dass es sich in diesem Falle nicht um Jägerlatein handelt, könnte das wiederum einen Hinweis dahingehend geben, dass sich das klein geschriebene und das groß geschriebene Kapital in Form eines kleinen Verwirrspiels einen Streich in unseren Köpfen erlaubt haben, in der Annahme, unsere Jagdinstinkte wären nach wie vor dermaßen ausgeprägt, dass es durchaus möglich wäre, wir könnten auch dem großen K hinterher jagen, mag manch einer diese Annahme auch als eine ausgeprägt boshaft Veranlagte verstehen. Dennoch könnte es sein, dass es uns zumindest nahe legt, nicht nur ständig nach dem Kleingedruckten zu suchen, sondern auch das Kleingeschriebene etwas aufmerksamer zu lesen.
Mit dem klein geschriebenen „kapital“ wollen wir zumeist lieber etwas weniger zu tun haben, zu übermächtig ist das für unsere Begriffe, zu unangenehm, weil es häufig – bis auf den kapitalen Hirschen – mit unangenehmen Dingen in Zusammenhang gebracht wird, wie z.B. kapitale Missstände, kapitaler Wahnsinn, kapitaler Misserfolg, kapitaler Unsinn, obwohl doch alle nach wie vor auf einen kapitalen Erfolg hoffen. Und genau dieser Zugang könnte sich als kapitaler Denkfehler entpuppen oder zumindest den einen oder anderen mit verursachen, wie uns schon die Bücher zeigen.

Die Bücher, ja die Bücher. Nun gibt es dieses eine Buch, das gehörige Probleme verursacht, eben weil es plötzlich deutlicher als je zuvor zu zerfallen begann. Das verursachte anfangs gleich ziemlich viel Panik und Verwirrung, aber vor allem Ratlosigkeit. In der einen oder anderen Ecke wurde dann im Zuge dessen doch ein klein wenig diskutiert, wobei man einige in die Jahre gekommene Büchlein aus den Abstellkammern herausholte, abstaubte, anglotzte, dann doch wieder zurück stellte, indem man sie wegdiskutierte, man heftig auf das Scheitern diverser früherer Buchbinder verwies und dabei nicht müde wurde, darauf hinzuweisen. Ganz hektisch wurden da manche, ganz kribbelig, fast schon panisch. Man wollte einfach zu gerne dieses eine Buch behalten, dieses eine feine, das zwar nicht „Kapital“ hieß, aber so ähnlich, und das für alle gedacht war. War das denn zu viel verlangt? Man hegte nämlich die weitläufige Meinung, dass es sich doch schon eine Weile größtenteils ganz gut bewährt hätte, aber das jetzige Desaster teilweise auch mit dem Inhalt des Buches in Verbindung zu bringen, davon wollte man gleich gar nichts hören, das war einfach zu gemein, nein, lieber nicht. Dabei übersah man völlig, dass auch dieses eine Buch bereits ein wenig in die Jahre gekommen war, einiges an Staub angesammelt, in letzter Zeit sogar sehr viel Staub aufgewirbelt hatte, inzwischen bereits einige höchst unterschiedliche Geschichten zu erzählen wusste.
Es hatte damit begonnen, dass man dazu übergangen war, Bücher ohne Kapitalbänder herzustellen, aus Kostengründen auf solide gewobene Bänder verzichtet hatte, nur noch dünner Karton und Kleber und fertig. Wahrscheinlich hat man das gemacht, um mehr Bücher günstiger produzieren zu können und um dadurch wiederum mehr Bücher zu verkaufen. Dabei war durchaus klar, dass diese Bücher weniger lange halten würden, was aber, je nach Verwendungszweck, auch nicht immer notwendig war. Eigentlich verstanden die Buchbinder auch gar nicht, warum jetzt so ein Geschrei um etwas entstanden war, dass als allgemein gültige Logik anerkannt wurde.
Wie auch immer, man stand völlig ratlos vor diesem einen Buch, das man auf keinen Fall zerfallen lassen wollte, und wenn man das nicht wollte, musste man sich folglich überlegen, was damit zu tun wäre. Somit versuchte man etwas gestresst, vielleicht um Zeit zu gewinnen, vorerst den Buchrücken behelfsmäßig zusammenzupappen, mit Kapital, versteht sich, dem Buchband. Das Heikle daran war, dass man bis dato leider keine entsprechende Bastelanleitung finden konnte, außer einer etwas Älteren, in der lediglich detailliert beschrieben stand, wie man es auf gar keinen Fall machen sollte. Das wiederum schlug lediglich vor, eine von vielen Möglichkeiten auf der Basis gemachter Erfahrungswerte besser nicht in Betracht zu ziehen. Über all die übrigen Möglichkeiten erteilte es allerdings keinerlei Auskunft. Die besagte Bastelanleitung beschrieb diejenige Buchsanierungsvariante, bei der man davon ausging, dass der Buchbinder schon wissen musste, was er getan hatte, und man das besser einfach so hinnehmen und abwarten sollte. Sehr vereinfacht ausgedrückt hoffte man sogar darauf, dass das Buch sich irgendwie wieder selber reparieren würde, was sich als ausgenommen schwierig herausstellte, weil allein das bloße Beobachten des Zerfalls mit der Zeit immer unerträglicher wurde, fielen doch zahlreiche Seiten einfach hinfort, einige davon sind uns heute noch als Bastelanleitung hinterblieben.
Diesmal hat man auf alle Fälle beschlossen, es anders zu machen, sich zu eilen, sofort etwas zu unternehmen, und griff daher schnurstracks zum altbewährten Allzweckkleber. Und jetzt starrt man auf den Buchrücken und wartet, bis der Klebstoff trocknet, hofft darauf, dass er überhaupt trocknet, bangt darum, den richtigen Klebstoff ausgewählt zu haben, überlegt inzwischen sogar, sich vorsorglich schon einmal gegenseitig zufrieden auf die Schultern zu klopfen, weil ohnedies kaum noch jemand hinsieht.

Wir sind durchaus dazu geneigt, es als ein Kapitalverbrechen anzusehen, wenn diverse Kapitaleigner oder Kapitalverwalter Kapitalflucht betreiben, oder zumindest fördern, vor allem, wenn es dieses eine Buch des Allgemeinheit betrifft, was dann in der Folge wiederum äußerst kapitalintensiv korrigiert werden muss. Richtig ungehalten können wir dabei werden. Betrachtet man die Definition von klein „kapital“ a) im Zusammenhang mit dem verschwundenen Kapitalband, haben die betreffenden Personen oder Sachen tatsächlich alles Vergleichbare überstiegen, entziehen sich unserem aktuellen Wissensstand, unseren bisherigen Meinungen, unseren Erfahrungshorizonten. Die betreffenden Personen oder Sachen, die wir für die Verursacher dieser Krise halten oder zumindest gerne halten würden. Bei dieser Meinungsbildung hat der eine oder andere vorsorglich auch gleich alle verfügbaren sich in unmittelbarer Umgebung befindlichen Spiegel abmontiert, um nicht daran erinnert zu werden, dass man selber ja auch im Grunde irgendwie mitten drin steht und möglicherweise den einen oder anderen kleinen Beitrag zu dem Durcheinander leistet bzw. geleistet hat, mit dem man jetzt allerdings unter gar keinen Umständen in Verbindung gebracht werden möchte, es sei denn – in demütig gebeugter Opferhaltung. Und dass so eine Haltung auf Dauer äußerst ungesund ist, so ständig gebeugt, das wissen wir, wir wissen, dass wir auch gar nicht so viele Orthopäden, Chiropraktiker oder Physiotherapeuten haben, die uns aus diesem Schlamassel helfen könnten.
Kollektives Umdenken ist zu viel verlangt. - Kollektives Umdenken ist zu viel verlangt? - Nur nicht, wenn es unbedingt sein muss! – Also gut, wie wäre es mit kollektivem Andenken? – Noch schlimmer! Andenken hat zu viele Bedeutungen, Assoziationsstress mit Vergänglichkeit! – Hm. Da ist was dran. Vielleicht kollektives Denken? – Error. Unbekannt. Kollektiv kann keinen klaren Gedanken fassen. Jetzt schon gar nicht mehr. Stress. Systemüberlastung. Error. – Ach du meine Güte! Aber ein bischen Nachdenken wird doch zumindest noch erlaubt sein? – Error. Muss ebenfalls wegsaniert werden. Viel zu kompliziert. Sparprogramme. Error. – Ja, und was sollen wir dann machen? – Augen zu, Luft anhalten, Bauch einziehen, hoffen, beten, noch kräftiger in die Pedale treten. – Aber der Vorderreifen hat doch einen Platten! – Eben, deswegen noch kräftiger in die Pedale treten! Wird schon wieder werden! Wir schaffen das! – Wird das nicht ein bißchen - holprig? – Und wenn schon. – Wir könnten aber doch kurz anhalten, uns das Rad genauer ansehen und es reparieren. – Scheiß drauf! Keine Zeit. Zu spät! Weiter geht’s! – Error.

Was auch immer ist, ist. Was auch immer durch uns ist, ist verbesserungswürdig. Grundsätzlich. - Damit die Bücher nicht mehr so schnell zerfallen, damit die Bücher nicht mehr weiter zerfallen….Die Auftragsbücher, aber auch die Tagebücher, die Kochbücher, die Schulbücher, die Sachbücher, die Literaturbücher, die Gipfelbücher, die Wörterbücher. Damit wir dann am Ende, nachher, nicht wieder alle zwangsläufig wie kapitale Hirsche da stehen.

Wie wir aber bereits zu Anfang besprochen haben, gäbe es da ja auch noch andere Möglichkeiten einer Buchsanierung, viele verschiedene Möglichkeiten, eine ganze Palette gäbe es da, mit dieser Situation umzugehen.
Zu diesen Möglichkeiten gehören selbstverständlich, die Hände in den Schoß zu legen und einfach den Zerfall des Buches hinzunehmen, sich eine neue Buchverwendungsweise anzulernen, der den Umgang mit einem halbzerfledderten Buch erleichtert, aber auch die Möglichkeit, die Buchbindetechnik weitestgehend selbst zu erlernen, um sich dadurch von den Buchbindern etwas unabhängiger zu machen, und um nicht darauf angewiesen zu sein, darauf zu hoffen, dass irgendjemand für das eigene Tagebuch oder das Kochbuch einen großen Plan zur Verfügung stellt.
Als ergänzende Möglichkeit steht natürlich noch diejenige zur Verfügung, direkt zu dem oder zu den Buchbindern zu gehen und das Produkt zu reklamieren, bzw. zu verlangen, dass das Buch wieder fachgerecht hergerichtet wird. Wahrscheinlich wird man sofort in die Defensive gehen und behaupten, das ginge aus diesem und jenem Grunde nicht oder man hätte ohnedies bereits etwas in der Art gemacht, wird versuchen, sich im Zuge dieser Angelegenheit als ausgesprochen kapitelfest darzustellen, wobei man allerdings nicht verzagen sollte, da diese Vorgehensweise im Zuge von Reklamationsbearbeitungen durchaus üblich ist, vor allem, wenn es sich um ein Buch kapitalen Ausmaßes handelt. Sollten sich die Buchbinder als besonders beharrliche Kerlchen herausstellen, könnte man versuchen, ihnen weiterzuhelfen, indem man z.B. verlangt, mehrere Kapitalbänder zu verwenden, um so die gewünschte dauerhaftere Qualität zu erreichen oder aber, sollten sie selbigen Vorschlag noch immer hartnäckig von sich weisen, überhaupt gleich an neuen Buchbindetechniken zu arbeiten. Diesem Vorschlag wird man unter immerwährender Garantie entgegnen, dass man selbiges ohnedies bereits mache, wenn auch ein klein wenig schüchtern und kaum bemerkbar oder höchst geheim, was man gleichermaßen als Aufforderung verstehen sollte, zu einem weiteren Vorschlag überzugehen, nämlich demjenigen, das Buch im Zuge der Sanierungsmassnahmen auch gleich zu überarbeiten, vielleicht das eine oder andere Kapitel als nicht mehr zeitgemäß oder überaltert anzusehen, die Einzelseiten einfach wegflattern zu lassen oder dafür zu sorgen, dass sie gefälligst weggeflattert werden. Sollte einem das nicht als ausreichend erscheinen, kann man auch getrost darauf hinweisen, dass es durchaus sinnvoll wäre, einige neue Kapitel als Ergänzung hinzuzufügen.
Ich meine, es ist ja nicht so, als ob das noch nie passiert wäre, dass man die eine oder andere Seite des Buches entfernt und da und dort ein neues Kapitel hineingemogelt hätte, so etwas passiert schon immer wieder, wenn man auch kein großes Geschrei darum macht. In den letzten Jahren allerdings war es auffällig, dass vor allem die Buchhalter gerne an neuen Kapiteln schrieben, obwohl sie doch lieber Bücher frisieren, sowie die Buchmacher, obwohl sie doch gar keine Bücher machen. Und so wurden einige Kapitel immer einseitiger, immer Übergewichtiger auf einer Seite, so einseitig, dass sich das Buch sogar aus den beharrlichen Umklammerungen der Buchhalter gelöst hat. Da könnte man durchaus in aller Ruhe fordern, dass auch noch andere Gruppen Seitenergänzungen einfügen dürfen. So eine sinnvoll überarbeitete Neuauflage hat ja üblicherweise auch etwas zu bieten. Denn, das ist ja ein altbekanntes Phänomen, wenn die Bedürfnisse der Buchbenutzerschaft keinen Ausdruck finden, sehen auch die Buchbinder keinerlei Veranlassung, etwas anderes zu versuchen.
Bleiben noch die Möglichkeiten, die sich zum Beispiel in derjenigen Meinung widerspiegeln, man solle doch einfach das ganze Buch als solches Entsorgen und ein neues Schreiben. Vielen erscheint dieser Zugang als zu radikal oder hinterlässt ein mulmiges Gefühl aufgrund der ureigenen Schreibblockaden oder wirkt sogar Furcht einflößend, obwohl es selbstverständlich ebenfalls eine weitere Möglichkeit darstellt, einen Sanierungsvorgang vorzunehmen.
Schlimmer noch, man könnte sogar hergehen und verlangen, etwas gegen den Analphabetismus zu unternehmen, damit jeder in die erbauliche Lage käme, überhaupt erst einmal den Titel des besagten Buches lesen zu können, um dadurch auch in die Möglichkeit zu kommen, an neuen Buchbindetechniken mitzuarbeiten. Verkaufen könne man dann ja in weiterer Folge auch wieder mehr Bücher, so als kleiner Nebeneffekt. Ich meine, man hat uns ja ohnedies bereits mitgeteilt, dass wir alle gefordert sind - gefordert sind wir alle.
So viele verschiedene Möglichkeiten gäbe es da, so viele Möglichkeiten. Eine ganz breite Palette, bei der man innbrünstig darauf hoffte, dass sich schon irgendein anderer darum kümmern würde, eines Tages, irgendwann.

Vielleicht würde dem Kapital auch das eine oder andere neue Kapitel gefallen, keine Ahnung. Hat es mal jemand gefragt? Wobei wir wieder einmal bei dem a und dem e, dem klitzekleinen schlagkräftigen Unterschied der beiden Begriffe „Kapital“ und „Kapitel“ gelandet wären. Kapital – Kapitel. Wenn man so möchte, unterscheidet sie möglicherweise doch nur ein Buchstabe. - Oder?

i(m) A(breisefieber) Martina Hirnschraubenzieher

{ 2 } Comments

  1. tmp | 12. Juli 2009 um 12:18 | Permalink

    Gelesen hatte ich diesen Aufsatz ja gestern schon einmal, aber er ist es wert, dass ich es nochmal tue… ;-)

  2. Martina Hirnschraube | 12. Juli 2009 um 20:18 | Permalink

    :grin:

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